Zwischen Euphorie und Melancholie

Mittlerweile ist der Herbst weit fortgeschritten und eine Ahnung von Winter liegt in der Luft. Morgens sind unsere Berliner Altbaufenster wieder beschlagen und eine ruhige, nebelige Schwere liegt auf unserer Straße, die noch schläft. Die Bäume sind mittlerweile vollständig kahl. Herbststürme haben bereits den Großteil an Blattwerk hinweggefegt und auch wenn der Sommer, den ich so liebe, sehr fern erscheint, bin ich dankbar für diese stillen, frühen Spätherbstmorgene. Ich sitze auf dem Sofa und betrachte die Welt da draußen, in der sich kaum ein Zweig bewegt. Ich könnte lange so sitzen bleiben. In Stille und Nachdenklichkeit, die Gedanken schweifend, wie ein Herbstwind, der über Felder und Wiesen weht und alles mit sanft-kühler Hand berührt.

Ein emotionales Wechselspiel: kann man melancholisch und trotzdem aktiv und optimistisch sein?


Als ich heute morgen dort auf dem Sofa in herbstlicher Melancholie schwelgte, erinnerte ich mich an Gespräche die ich in den letzten Wochen geführt hatte, in denen einige Male die Frage aufkam: Bist du denn ein melancholischer Mensch? Und meine Antwort war ja, auf jeden Fall. Wer mich nicht sehr gut kennt, den mag das überraschen. Denn im Außen, so hat man mir es zumindest gesagt, werde ich als offen, freundlich, aktiv und fröhlich wahrgenommen. Wer mich näher kennt, der weiß, dass es neben dieser optimistisch-energiegeladenen Version von mir auch noch das ernste, introvertierte und eben sehr melancholische Ich gibt. Ein Anteil von mir, den ich erst lernen musste, wertzuschätzen, wahrzunehmen, zu akzeptieren und bewusst zu leben. Ich spüre, das dieser melancholische Anteil eine ausgesprochen wichtige Rolle in meinem Leben spielt. Er steht in enger Verbindung mit dem optimistisch-aktiven Ich. Denn dieses Ich glaubt aus tiefstem Herzen an das Gute im Menschen an das Gute in dieser Welt. Dieses Ich ist überzeugt, dass im Kern eine unendliche Liebe und ein tiefer Frieden vorhanden ist – ein Zustand, der aus unserem Leben und unserem Bewusstsein nahezu verschwunden ist, der sich dennoch erahnen und spüren lässt. Die Melancholie ist die tiefe Traurigkeit um die Trennung von dieser Liebe und diesem Frieden, ein schmerzliches Vermissen, eine unstillbare Sehnsucht nach der vergessenen Vollkommenheit. Und so entsteht ein Wechselspiel, ein sanftes Schaukeln zwischen Einssein und Trennerfahrung, zwischen Lust und Schmerz, zwischen Euphorie und Melancholie.




Warum Melancholie und Optimismus ein tolles Team sind


Dieses Wechselspiel erweist sich, wie ich finde, im Alltag als ausgesprochen nützlich: Der melancholische Anteil in mir ist dazu in der Lage, mir den richtigen Weg zu weisen. In der Tiefgründigkeit, der Reflexion und der Wahrnehmung von Sehnsucht, der Suche nach dem Sinn, der Kontemplation von Traurigkeit und Weltschmerz, finde ich Zugang zu dem, was wirklich für mich zählt. Ich lerne die Werte kennen, die mir tatsächlich wichtig sind und ich lerne zu erkennen, in welchen Bereichen ich mein Leben ehrlich und tiefgründig nach meinen Werten lebe, und in welchen Bereichen ich oberflächlichen Normen folge, die eigentlich nicht meinem wahren Sein entsprechen. Meine optimistisch-energievolle Seite lässt mich schließlich vom Sofa aufstehen und aktiv mein Leben in die Hand nehmen. So kann ich meine unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile wunderbar ausbalancieren und nutzen. Vereinfacht gesagt hilft mir also meine melancholische Seite dabei, mir Sinn und Werten bewusst zu werden und somit Klarheit zu erlangen, die ich dann wiederum mithilfe meiner rationalen, energiegeladenen und aktiven Seite in die Tat umsetzen kann. Wie der Arzt und Psychotherapeut Josef Zehentbauer beschreibt, erlaubt die Kombination dieser Anteile dem Melancholiker auch bei einer positiven Begebenheit alle Aspekte betrachten zu können, er erkennt "Licht- und Schattenseiten", was ihm eine "einzigartige Übersicht im Leben" schafft. Und das ist, wie ich finde, eine nicht zu unterschätzende, nützliche Eigenschaft.



Wie du Melancholie und Sensibilität als wundervolle Fähigkeiten anerkennen kannst


Melancholie ist also nicht nur ein Gefühl oder eine Gemütslage, sondern auch eine Charaktereigenschaft und eine Fähigkeit, die durchaus von Nutzen sein kann – nicht nur hinsichtlich der Identifizierung von Werten und der Analyse von Situationen. Der Philosoph Wilhelm Schmid ist überzeugt, dass die Melancholie dem Menschen einen Sinn über das Leben hinaus schenkt. Sie hilft dabei, sich auf den sinnlichen Genuss des Lebens einzulassen, in sich eine andere, unendliche Welt zu spüren und damit dem Wesentlichen des Menschseins näher zu kommen. Für ihn ist die Melancholie eine transzendente Eigenschaft. Sie erlaubt die Überschreitung der Grenze zur Endlichkeit und öffnet damit die Tore für eine beruhigende, angenehme Tiefgründigkeit: "Die Fülle des Lebens zwischen der wirklichen Endlichkeit und möglichen Unendlichkeit tröstet über eine empfundene Armut der Gegenwart hinweg (...)". Für mich bedeutet dies vor allem das Erahnen eines unerkannten Potentials, das Spüren einer Tiefe und Vollkommenheit, die vorhanden und doch so fern erscheint. Die Melancholie wird zum Ruf der Seele nach einem Einssein, zur Erfahrung und zum Erleben dessen, was zwischen schmerzlicher Entfremdung und geheimnisvoller Vollkommenheit liegt.


Um diese Transzendenz spüren zu können bedarf es einer gewissen Sensibilität – eine typische Stärke des melancholischen Menschen. Wilhelm Schmid geht sogar so weit, die Sensibilität als einziges menschliches Vermögen zu bezeichnen, das noch Rettung versprechen könnte im Blick auf die Probleme und Schrecken dieser Welt. Denn in dieser Sensibilität findet sich auch ein Gespür für den Sinn des Lebens und unseres Daseins, das den Melancholiker nicht ruhen lässt, solange Verbesserungen des Lebens für Andere möglich sind. Hier zeigt sich die Notwendigkeit der Unzufriedenheit: denn Zufriedenheit bringt keine Veränderung. Unglücklich zu sein wird zum Anlass zur Besinnung: es zwingt uns dazu, die Frage nach dem Sinn zu stellen und eine Antwort für uns zu finden, um schließlich Veränderungen vorzunehmen, die den unangenehmen Zustand verändern. So findet sich in der Melancholie eine Energie, die Veränderungen bewirken kann, jedoch sanfter, sinn-voller und reflektierter, als es die Kraft von Wut je könnte. Die Melancholie ist nicht kämpferischer Natur, sie lehnt Gewalt ab und ist von Frieden und Liebe geleitet. Und aus diesem Grund ist die Melancholie für mich nicht nur ein Gefühl, ein Gemütszustand und eine Charaktereigenschaft – sondern ein unglaublich wertvoller Bestandteil dessen, worauf wir unsere Zukunft aufbauen und mit derer Hilfe wir einen positiven Unterschied auf dieser Welt bewirken können.


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