Wie fühlt sich Melancholie an?

Eine melancholische Momentaufnahme

"Die frühherbstliche Morgensonne scheint durch das Schlafzimmerfenster und lässt einen Lichtstreifen langsam, kaum merklich, über den alten Dielenboden wandern. Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Sofa und sehe dem Lichtstreifen zu, der leise zu flackern scheint. Eigentlich möchte ich aufstehen und mit der Arbeit an diesen Zeilen beginnen, doch ich kann noch nicht aufstehen. Eine Gedankenschwere, die ich nicht überwinden kann, hält mich auf dem Sofa fest und mein Blick wandert weiter den Lichtstreifen auf und ab. Ich bin in Gedanken versunken, doch kann ich nicht sagen, worüber genau ich nachdenke. Ein Gefühl flattert durch meinen Körper, eine Erwartung, eine Ahnung. Mit dem kühlen Windzug, der vom offenen Schlafzimmerfenster zu mir hinüber ins Wohnzimmer weht, legt sich ein Schleier von Wehmut auf mein Gesicht. Schemenhafte Erinnerungen an die warmen, sonnengetränkten Sommertage leuchten in meinem Bewusstsein auf und verschwinden wieder. Die Erinnerung an den letzten Herbst, das Wissen um den Tag, an dem die letzten Blätter von den Bäumen in unserer Straße verschwunden sein werden, umhüllt mich und ich tauche ein in eine sanfte Traurigkeit. Der Vergänglichkeit willen wende ich den Blick ab von dem Lichtstreifen auf dem Dielenboden und schaue nach draußen, um das noch übrige Blattgrün aufzusaugen, festzuhalten, haltbar zu machen, bis im nächsten Jahr der Kreislauf von Neuem beginnt. Der Vergänglichkeit willen versuche ich, die Überbleibsel des Sommers festzuhalten. Dabei weiß ich, dass es nicht klappen wird. Dass der Herbst kommen wird, dass sich alles ändern wird, dass ich Teil dieses Kreislaufes bin. Ich bin der Herbst, so wie ich der Sommer war, wir gehören zusammen, und genauso wie ich den Lauf der Jahreszeiten nicht aufhalten kann, kann ich mich nicht von dem natürlichen Wechselspiel aus Licht und Dunkelheit, Sturm und Windstille, Leben und Tod loslösen. Und da ist sie schon lange bei mir, die Melancholie. Viel mehr ist sie, als ein Gefühl. Sie ist ein Gemütszustand, sie umfasst meinen Körper und meine Seele, sie lässt mich spüren, wie ich Teil des Ganzen bin, unweigerlich verbunden mit allem bin ich vollkommen bewusst in diesem Moment, und spüre die Tragik des Menschseins, die so schmerzhaft-schön mein Dasein durchwebt..."



Zwischen Freude und Leid: ein Gefühl im Dazwischen


So kann sie sich also anfühlen, die Melancholie. Für mich ist Melancholie nicht nur ein Gefühl, wie zum Beispiel Wut oder Trauer. Sie bezieht sich oft nicht nur auf ein bestimmtes Ereignis oder Objekt, wie es bei anderen Emotionen häufig der Fall ist. Zwar mag sie durchaus durch ein bestimmtes Ereignis ausgelöst werden, doch ist sie vielschichtiger und komplexer, als andere Gefühle. Ihr wohnt eine Polarität inne, denn in Momenten der Melancholie bin ich nicht nur wehmütig gestimmt, sondern zumeist gesellt sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit hinzu, genauso wie eine Ahnung der Erkenntnis, wer ich wirklich bin und was mir tatsächlich wichtig ist. Die Melancholie hat eine Bedeutungsschwere, die über den Moment hinausgeht.


Daher möchte ich den Begriff der Melancholie an dieser Stelle gerne aufteilen: einmal in die Melancholie als Grundstimmung und die Melancholie als Momentstimmung. Auf diese Weise ist es einfacher, sich der Frage, wie sich Melancholie anfühlt, zu nähern, ohne sich an einem konkreten Beispiel festhalten zu müssen.



Wie fühlt sich ein melancholischer Moment an?


Die Melancholie als Momentstimmung wird durch etwas Konkretes ausgelöst, wie durch einen Gedanken, eine Situation, durch einen Film oder Musik, Kunst, Natur, Erinnerungen, einen Geruch oder Geschmack, einen Ort oder etwas ganz und gar Unbestimmbares, das Melancholie in mir weckt. Joseph Zehentbauer erklärt in seinem Buch Melancholie, dass sie als "sanfter Schmerz die Freude zum Weinen [bringt] und das Weinen zum Lächeln". Er beschreibt sie als stille Freude, als "introvertiertes Genießen". Die Melancholie scheint mich zu ertappen, scheint mich aufzufordern, hinzuschauen, in mich hinein zu spüren. Als wollte sie mir mitteilen, dass ich auf etwas Bedeutsames gestoßen bin, etwas, das mich tief im Inneren berührt. Etwas, das mich auf mein Bewusstsein aufmerksam macht, das mir eine nicht zu leugnende Wahrheit über meine eigene Existenz als Mensch vor Augen führt: meine Vergänglichkeit. Das Bewusstsein über die Endlichkeit unserer Zeit auf Erden stellt uns in einen allumfassenden Zusammenhang. Da sind wir selbst, alle Menschen, alle Tiere, die Natur, das Universum. Und wir alle sind Teil dieses Ganzen. Wenn die Melancholie sich zu mir gesellt, dann ist es, als legte sie sanft die Hand auf meine Schulter, um mich an diesen Zusammenhang zu erinnern.



Wie lebst und handelst du melancholisch?


Dieses Bewusstsein, das so schwer zu definieren ist und als Ahnung und Bauchgefühl in melancholischen Momenten zu uns kommt, ist die Basis für Melancholie als Grundstimmung. Für mich bedeutet diese grundlegende melancholische Stimmung nicht, in permanenter Traurigkeit oder gar depressiv verstimmt durch den Tag zu gehen. Melancholie bedeutet für mich eine wichtige Entscheidungsgrundlage, nahezu eine persönliche Ethik, die mir hilft, meine Prioritäten zu setzen und mir über meine Werte und Erwartungen mehr Klarheit zu verschaffen. Das mit ihr verbundene Bewusstsein der Vergänglichkeit beispielsweise bringt ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit dem Jetzt, ein Gefühl von Achtsamkeit und Dankbarkeit mit sich. Die Ahnung eines allumfassenden Ganzen fördert eine gewisse Sensibilität für die Verantwortung, die wir für eben jenes Ganze tragen und lenkt damit unvermeidlich den Blick auf die Tragik und die Probleme, denen die Welt zur Zeit gegenübersteht. Das ist freilich nicht angenehm, doch nur Bewusstsein, kritisches Hinterfragen unseres eigenen Tuns und emphatisches, realistisches Denken und Handeln wird uns ermöglichen, Lösungen zu finden. Melancholie kurbelt so meine Kreativität an und meinen Willen, zu wachsen und zu erschaffen. Gleichzeitig nimmt sie mich zurück, wenn ich überschwänglich werde und weist mich wieder auf den Weg, auf dem ich mein eigenes Ich mit seinen Träumen und Wünschen sein darf, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. So ist Melancholie als Grundstimmung meine Muse und Lehrerin zugleich, sie ankert mich im Hier und Jetzt und gleichzeitig verbindet sie mich mit der Ahnung des Jenseitigen. Sie ermuntert mich zu lernen und zu verstehen und lehrt mich die Akzeptanz des Ungewissen.


Wie fühlt sich deine Melancholie an?


Die Antwort auf die Frage, wie Melancholie sich anfühlt ist komplex und ich glaube nicht, dass sie jemals vollständig beantwortet werden kann. Sie ist so individuell verschieden, ändert sich im Laufe der Zeit und ist so facettenreich, dass jeder von uns seine ganz eigene Antwort auf diese Frage hat.


In Zukunft findest du unter diesem Titel die Antwort von Menschen, die ich zu dieser Frage interviewt habe. Ich hoffe sehr, dass du dich von den unterschiedlichen Antworten dazu inspirieren lässt, deine eigene Melancholie zu erforschen und ihre faszinierende Vielschichtigkeit zu entdecken. Ich verspreche dir – die Reise mit der Melancholie ist inspirierend, spannend und erkenntnisreich und meiner Meinung nach ein wundervoller Weg zu einem authentischen, tiefgründigen und erfüllten Lebensgefühl.


Ich würde mich sehr freuen, wenn du deine melancholischen Gedanken und Erfahrungen mit mir teilst. Besuche mich dazu gerne auf Instagram oder Facebook und kommentiere einen meiner Posts, oder nutze die Kommentarfunktion direkt hier im Magazin. Ich bin gespannt auf deine Beiträge und Ideen!


PS: Wenn du gerne mehr zur Frage sagen möchtest und Lust hast, Teil dieser Reihe zu werden, schreibe mir gerne eine Email an klara@theothermoon.com.


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