FÜR DEINE INBOX

Erhalte die neuesten Artikel, Inspiration und News direkt in deine Inbox.

FÜR DEINEN FEED

FÜR DEINE FRAGEN

Antworten für dich,

rund um das Projekt

© 2019 by The Other Moon | Klara Foldys | Berlin, Germany | klara@theothermoon.com | +491794190658

Achtsamkeit und Melancholie – ein gutes Team

Wie wir mit den Höhen und Tiefen umgehen lernen


Das Hamsterrad von Perfektion und Glücksstreben

Wenn ich auf die letzten Jahre meines Lebens und wie ich meinen Alltag gestaltet habe, zurückblicke, muss ich zugeben, dass ich einen beträchtlichen Anteil meiner Zeit in Eile und unter Druck zugebracht habe. Kaum ein Tag verging, ohne dass ich gehetzt versuchte meine Arbeit zu erledigen um dabei so produktiv und effizient wie möglich zu sein. Gleichzeitig wollte ich all die anderen Aufgaben und Notwendigkeiten nicht aus den Augen verlieren, deren möglichst perfekte Erfüllung ich von mir erwartete: sich gesund zu ernähren, die Wohnung sauber zu halten, Sport zu machen, eine gute Verlobte zu sein, eine gute Freundin und Tochter natürlich auch. Eine Liste, die sich bequem weiterführen ließe.


Während ich versuchte, all diese Erwartungen an mich selbst zu erfüllen, rang noch die größte aller Aufgaben um meine Aufmerksamkeit: mich selbst zu verbessern und zu optimieren, um “glücklicher” zu werden. So, als sei dieses Glück sogar die Voraussetzung, um all die Aufgaben und Erwartungen wirklich erfüllen zu können. Gleichzeitig schien es, als sei die Erfüllung eben jener Erwartungen notwendig, um “wahres Glück” finden zu können. Ich war gefangen in einem Teufelskreis, einem emotionalen Kreisverkehr ohne Ausfahrt. Ich versuchte verzweifelt, perfekt zu sein, jeden Tag aufs Neue. Ich folgte einer Mission, die zum Scheitern verurteilt war, die mich erschöpfte und enttäuschte.



Wie mir Achtsamkeit geholfen hat, auszubrechen

Als Ängste und Nervosität, Druck und Stress mehr und mehr in meinen alltäglichen Fokus rückten, entschloss ich mich dazu, einen Achtsamkeitskurs zu belegen und begann, regelmäßig zu meditieren. In der Meditation und in Momenten der Achtsamkeit habe ich die Chance, einen Schritt zurückzutreten, eine bewusste Pause im Gedankenstrom einzulegen. Zu beobachten, zu atmen, zu fühlen, ohne Bewertungen und Erwartungen. Alle Gefühle, Gedanken und Ängste so wie sie kommen und gehen zu akzeptieren, sie vorbeiziehen zu lassen, wie die Wolken am Himmel. Gänzlich im Hier und Jetzt zu sein. Ein Zustand, der für mich nicht immer Meditation bedeutet – manchmal genügt es, einen Schluck Tee bewusst wahrzunehmen, seinen Duft und Geschmack zu erleben und die Wärme der Tasse in meiner Hand zu spüren. Manchmal bedeutet es, einen Spaziergang zu machen und jeden einzelnen Schritt, jeden Windzug und jedes Geräusch bewusst wahrzunehmen.


Wie sind Achtsamkeit und Melancholie verbunden?

Nach einer Weile habe ich festgestellt, dass dieser achtsame Bewusstseinszustand interessanterweise in enger Verbindung mit meiner Melancholie steht. Dass Momente der Melancholie nicht wenige Parallelen mit Momenten der Achtsamkeit aufweisen – eine spannende Erkenntnis, dank der mir bewusst geworden ist, dass Melancholie viel mehr ist als nur eine Emotion von vielen. Achtsamkeit bedeutet für mich ein Zustand hoher Sensibilität und Empfindsamkeit. Ich öffne mich dafür, mehr zu spüren und zu sehen, die Welt um mich herum in erhöhter Intensität wahrzunehmen, jedoch ohne mich von den Gefühlen und Gedanken, die mir dabei begegnen, fortschwemmen zu lassen. In Momenten der Melancholie geschieht etwas ganz Ähnliches – beide Zustände bedeuten eine Offenheit, alle Facetten des Lebens wahrzunehmen, den Blick ins Innere zu wenden und zuzuhören. Sowohl in Achtsamkeit als auch in Melancholie erkennen und akzeptieren wir das Gute und Schlechte, Glück und Unglück, Zufriedenheit und Traurigkeit, und wie sie sich abwechseln und ineinandergreifen, manchmal sogar eins werden.



Die Unterschiede zwischen Achtsamkeit und Melancholie

Im Zustand von Achtsamkeit empfinde ich mich eher als eine passive Beobachterin, während Melancholie aktiver ist: sie involviert ein gewisses Sinnieren, Nachdenklichkeit und Kreativität. Ich versuche diesen Gedanken einmal anschaulicher zu erklären: Beispielsweise könnten wir in einem Zustand von Achtsamkeit die Endlichkeit des Lebens als solche wahrnehmen, lassen die damit verbundenen Gefühle jedoch bewusst an uns vorüberziehen, ohne Interaktion. In einem melancholischen Zustand erlauben wir uns innezuhalten und über diese Gefühle nachzudenken, ohne jedoch dabei in eine depressive Stimmung zu verfallen. Wenn man sich den erwähnten Gedanken und die damit verbundenen Gefühle als Murmel vorstellt, so würden wir diese Murmel in der Meditation anschauen und an uns vorbeirollen lassen, uns damit eine Pause von ihrem Einfluss auf uns gönnen. In der Melancholie hingegen nehmen wir die Murmel in die Hand, schauen sie uns genau an und reflektieren die Gedanken und Gefühle, die beim Betrachten der Murmel in uns aufkommen. Diese aktive Auseinandersetzung mit Gefühlen wie Traurigkeit und Schmerz durch Melancholie ist für mich eine wunderbare Technik, ihnen die Intensität zu nehmen. Durch das Betrachten der Murmel und durch die melancholische Reflexion geben wir uns außerdem die Chance, den Facettenreichtum der Murmel zu erkennen. Wir geben uns Zeit und Raum, auch positive Seiten an ihr zu finden. Wir lernen, wie sie aussieht, wie sie sich in unseren Händen anfühlt, welche Struktur und Farbe sie hat, wie sie sich bewegt, wenn wir sie ablegen und wieder aufnehmen. Wenn wir die Murmel, in diesem Beispiel den Gedanken an unsere Endlichkeit und den damit verbundenen Schmerz, nicht mehr als unsere gute Laune bedrohende Macht betrachten, sondern im Gegenteil als integralen Bestandteil unseres Lebens und unserer Lebendigkeit, dann können wir ihre Existenz akzeptieren und einen friedlichen, liebevollen Umgang mit ihr pflegen.


Wie Melancholie ein kraftvolles Tool für ein erfülltes Leben sein kann

Melancholie wird zum Rückzugsort von einem oberflächlichen und einseitigen Sein im Äußeren. Sie bietet eine Chance, sich tiefgründig und ehrlich mit uns selbst, unserem Leben und unserer Umgebung auseinanderzusetzen, wodurch die Begegnung mit Dunkelheit und Traurigkeit unausweichlich ist, denn sie gehören zu uns und zu dieser Welt, genauso wie Zufriedenheit und Licht. Auch wenn wir in einer Gesellschaft leben, für die konstante Optimierung der Normalzustand ist und für die Glück und Erfolg die höchsten Ziele sind, können wir niemals bloß die Höhen leben und die Tiefen des Lebens ausblenden. Wie der Philosoph Wilhelm Schmid in Unglücklich sein – Eine Ermutigung beschreibt, versuchen die meisten Menschen Schmerz zu ignorieren und ihn soweit es geht aus ihrem Leben zu verbannen. Angst vor Schmerz und Traurigkeit hat die Akzeptanz, dass sie einen wichtigen und unausweichlichen Teil unseres Lebens ausmachen, in unserer Gesellschaft ersetzt. In diesem Kontext bezeichnet Schmid die Melancholie als Lebenskunst. Auch für mich bedeutet sie ein kraftvolles Tool, durch das wir lernen können, Schmerz als etwas Produktives und sogar Befreiendes anzusehen, nicht als etwas, das es zu eliminieren gilt.


Der Melancholiker von heute steht der Oberflächlichkeit misstrauisch gegenüber und strebt stattdessen ein facettenreiches, vielseitiges und achtsames Leben an. Denn, schreibt Wilhelm Schmid: “Die gesamte Weite der Erfahrungen zwischen Gegensätzen vermittelt erst den Eindruck eines erfüllten Lebens”. Für mich ein durchaus verständlicher Ansatz.


othermoon_circle_light_2x.png